Autofrei leben

Traumhaft der Gedanke an eine ostfriesische Insel, wo die Wellen gemächlich an den Strand gespült werden und das Rauschen der Blätter deutlich zu hören ist. Eine Stille, die Großstadtmenschen nicht gewohnt sind. Kein Motorenlärm, keine Abgase? Unvorstellbar.

Traumhaft der Gedanke an eine ostfriesische Insel, wo die Wellen gemächlich an den Strand gespült werden und das Rauschen der Blätter deutlich zu hören ist. Eine Stille, die Großstadtmenschen nicht gewohnt sind. Kein Motorenlärm, keine Abgase? Unvorstellbar. Eine solch wundervolle Idylle erleben die Insel-Bewohner auf Spiekeroog, Juist, Langeoog oder Wangerooge tagtäglich. Das Besondere dieser Inseln: Sie sind autofrei. Die Straßen sind den Menschen vorbehalten. Kinder können ungestört toben und spielen, ohne Angst vor vorbeibrausenden Autos haben zu müssen.

Angst, die auf anderen Inseln und in jeder anderen Straße Deutschlands durchaus berechtigt ist. Denn Kinder werden immer häufiger Opfer von Verkehrsunfällen. Wie schrecklich, wenn man bedenkt, dass 2010 durchschnittlich alle 18 Minuten ein Kind (unter 15 Jahren) im Straßenverkehr zu Schaden gekommen ist. Im Vergleich zum Vorjahr starben 32 % mehr Kinder in Autos, die in einen Verkehrsunfall verwickelt waren. Auch für Erwachsene sind Verkehrsunfälle eine der größten Todesursachen. Im selben Jahr verunglückten 374.818 Menschen infolge eines Verkehrsunfalls, davon starben 3.648. Durchschnittlich kommt es alle 13 Sekunden zu einem Verkehrsunfall, fast jede Minute wird ein Mensch bei einem Unfall verletzt, alle zwei Stunden stirbt ein Mensch im Straßenverkehr.

Autofreie Siedlungen

Überzeugende Zahlen, die Menschen vielerorts dazu bewegen, auf Autos zu verzichten. Sie setzen sich für ein autofreies Leben ein und haben damit auch Erfolg. So zum Beispiel die Autofreie Siedlung Weißenburg in Münster oder im Stellwerk 60 in Köln. Die Sicherheit im Straßenverkehr ist ein wichtiger Beweggrund für Gruppen wie dem Arbeitskreis Autofreie Siedlung Köln e.V. Es geht aber um mehr: um mehr Lebensraum und Umweltschutz. In einem Land, in dem 77,6 % (2010) der Bevölkerung ein Auto besitzen, ist es einfach an der Zeit umzudenken.

Globaler Trend?

Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit schließen sich Menschen in Vereinen und Arbeitskreisen zusammen und setzen sich für ein autofreies Leben ein. Die Worldcarfree-Organisation bündelt die Interessen der Aktivisten auf internationaler Ebene. Online können Erfahrungen ausgetauscht werden. Die Gruppen können sich gegenseitig stärken und Aktionen mit einem größeren Wirkungskreis anstoßen. Der wichtigste Tag im Jahr ist dabei zweifelsohne der 22. September, der Aktionstag Autofreier Tag.

Null-Emissions-Stadt Masdar-City

Autofreiheit ist nicht nur ein Ideal von mittelständigen, umweltbewussten Aktivisten, sondern womöglich die Zukunft. Das zeigt ein grandioses Bauprojekt in der Wüste von Abu Dhabi, die Null-Emissions-Stadt Masdar-City. Mit einem Startkapital von 22 Mrd. Dollar wurde 2009 der Bau begonnen. Bis 2016 soll hier eine Öko-Stadt entstehen, wo Autos mit Verbrennungsmotoren verboten sind und der Müll so gut wie restlos recycelt wird.

Mobil ohne Auto

Wer aber ein Auto hat, meint ohne nicht auskommen zu können. Mobilität ist das Zauberwort der Moderne. Wir wollen unterwegs sein und uns frei von A nach B bewegen können. Wie soll das ohne Autos gehen? Mit elektrischen Kabinenbahnen, ist die Antwort von Masdar-City. Davon sind deutsche Städte allerdings weit entfernt. Deswegen ist eine gute Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel die wichtigste Voraussetzung für ein autofreies Leben. Wer gelegentlich doch ein Auto braucht, muss nicht verzweifeln. Carsharing-Systeme erfreuen sich einer wachsenden Beliebtheit. Ob Cambio oder Flinkster – das System ist ganz einfach: Mitglied werden und bei Bedarf ein Auto mieten. Für Wohnungsbaugesellschaften fällt die Entscheidung für ein autofreies Wohnprojekt nicht immer leicht. Es gibt Bedenken, ob die Wohnungen vermarktet werden können. Gibt es wirklich so viele Menschen, die autofrei leben wollen? Offensichtlich schon. Ein Vorteil für die Wohnungsbaugesellschaft ist, dass bei der Planung keine Parkplätze mit eingeplant werden müssen. Denn nach der Stellplatzverordnung (außer in Berlin) müssen in einem Neubau auch Stellplätze für die Bewohner und Gäste eingeplant werden. Somit sind die Gesamtbaukosten geringer und die benötigte Fläche auch.
Freie, saubere Luft einatmen und die Stille genießen. Möglich ist’s, auch in Großstädten. Wir brauchen nur ein neues Verständnis von Mobilität.

Der Artikel ist ursprünglich im Onlineportal für Weeyoo erschienen.

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