Gabriel García Márquez: Mein Lieblingsautor ist tot

Spätestens seit ich „Leben, um davon zu erzählen“ gelesen habe, steht für mich fest: Gabriel García Márquez ist mein absoluter Lieblingsautor. Ich schätze die Präzision in seiner Erzählkunst. Er berichtet wie ein Journalist über Ereignisse, die zum Teil tatsächlich passiert sind, mit einer stilvollen Farbenpracht, ausgeschmückt und verfeinert mit fantasievollen Elementen. Bei Márquez sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt, dennoch bleibt er knallhart bei der Realität. In jeder Zeile ist klar, dass es nie um eine Familiengeschichte allein geht oder um das Einzelschicksal der armseligen Erendira, die von ihrer „herzlosen Großmutter“ gnadenlos versklavt wird. Die stellenweise traurige Geschichte Kolumbiens und Lateinamerikas schwingt in jeder Erzählung mit. Er schafft es, seine kritische Weltanschauung geschickt und dezent in die Geschichten einzuweben. Plumpe Propaganda gibt es nicht bei ihm, wohl aber Vertrauen an die Vernunft der Leser.

Wer seine Geschichten liest und versteht, wird selber logische Konsequenzen ziehen können. Der Leser wird verstehen, dass der Wohlstand des Westens nicht von ungefähr kommt. Zumindest hat er die Möglichkeit dazu, wenn er einen Márquez in der Hand hat und nach den ersten Zeilen das Buch nicht weglegen mag. Das sprachliche Meisterwerk lockt einen Seite um Seite. Man möchte sich den Genuss nicht entgehen lassen, auch wenn die Erkenntnis über weltpolitische, gesellschaftliche Dinge ausbleibt.
Márquez muss selber so überzeugt von sich gewesen sein, dass er in manchen Büchern auf der ersten Seite schon den Ausgang der Geschichte verrät, wie zum Beispiel bei „Chronik eines angekündigten Todes“. Man liest das Buch trotzdem atemlos bis zum letzten Wort, weil man wissen möchte, wie es dazu kommt, aber vor allem möchte man lesen, wie er erzählt, was passiert ist. Das ist die große Kunst, die ich an Márquez schätze – die Kunst, Geschichten zu erzählen.
Für nichts anderes scheint er gelebt zu haben, dachte ich, als ich „Leben, um davon zu erzählen“ zum ersten Mal in der Hand hielt. Für nichts anderes hat er leben wollen, verstand ich als ich das Buch zuklappte.
Wie lange ist es her, dass wir von seinem Tod wissen? Zwei Wochen? Nein, bald vier Wochen, verrät mir der Kalender. So schnell gewöhnen wir uns an den Tod. Ein paar Tage nach dem 17. April haben die Zeitungen jede Menge über ihn berichtet. Da gab es neben hochintellektuellen Analysen über sein Werk, auch kleinere Artikel, die offensichtlich noch unfertig waren, zu früh veröffentlicht wurden. Man konnte regelrecht Bruchstücke von Gedanken und Meinungen erkennen, die nicht miteinander verschmelzen konnten und nebeneinander weilten wie Nachbarn, die sich nie besuchen. Vielleicht gehören sie in einen anderen Kontext und konnten sich in der neuen Umgebung nicht einleben? Texte, die der Perfektionist Márquez so nie abgegeben hätte – weder als Journalist, noch als Schriftsteller.
Aber so ist das eben, wenn eine berühmte Persönlichkeit stirbt und alle Medien meinen, darüber berichten zu müssen und zwar in einem Tempo, als hätten sie den Artikel schon lange vorbereitet und warteten nur auf die endgültige Mitteilung, damit sie in ihren Content Management Systemen nur noch auf „veröffentlichen“ klicken können.
So schnell wie die Nachrichten über seinen Tod durch alle Kanäle gingen, so schnell wurde die Gewissheit über seinen Tod gewöhnlich. Bei mir hat es etwas länger gedauert, bis ich mich an diesen neuen Zustand gewöhnt habe. Vorher war es nicht ausgeschlossen, dass er noch ein Buch schreibt oder noch eine Handlung vollbringt oder, wer weiß, vielleicht wären wir uns irgendwann, irgendwo begegnet? Fast hätte ich Spanisch gelernt, um seine Bücher in der Originalsprache leben – pardon! – lesen zu können. Ja, das kann ich immer noch tun, aber begegnen werde ich ihm nicht mehr. So viel ist sicher. Ein neues Buch wird er auch nicht mehr schreiben.
Obwohl Márquez angesichts seines Alters ein Autor war, bei dem ich mich immer wieder aufgeschreckt gefragt habe: „Lebt er noch? Nicht, dass ich seinen Tod verpasst habe!“ Schnell einen Blick ins Internet! „Ja, er lebt noch.“ Umsonst die Unruhe, weil man so eine Nachricht kaum übersehen kann.
Trotz allem ist die Endlichkeit doch schwer verdaulich.

Foto: Copyleft by Carlos Latuff

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