Zwangsverheiratung

Ein Auszug aus meiner Expertise zum Thema Zwangsverheiratung, die ich im Auftrag vom Bundesweiten Koordinierungskreis gegen Frauenhandel und Gewalt an Frauen im Migrationsprozess e.V. (KOK) geschrieben habe:

Zwangsverheiratung liegt dann vor, wenn eine Frau oder ein Mann von Dritten dazu gezwungen wird, eine vorgegebene Person zu heiraten. Insofern ist es terminologisch treffend, von einer Zwangsverheiratung zu sprechen (im Vergleich zu Zwangsheirat), weil hier die Intervention von außen betont wird.

Im 19. Jahrhundert wurden Ehen auch in Europa häufig zu einem bestimmten Zweck geschlossen. Wenn Familien beispielsweise ihre wirtschaftlichen Güter zusammenführen wollten, war kein Vertrag verbindlicher als die Heirat der Kinder. Ein weiterer Grund konnte in dem Wunsch nach der Erlangung eines höheren Rangs in der Gesellschaft liegen. Ein Beispiel aus dem Roman „Effi Briest“ (1895) von Theodor Fontane zeigt, wie eine Mutter emotionalen Druck ausübt, um ihre Tochter zu der Heirat mit ihrem ehemaligen, nun wohlhabenden Verehrer zu überreden:

Er ist freilich älter als du, was alles in allem ein Glück ist, dazu ein Mann von Charakter, von Stellung und guten Sitten, und wenn du nicht nein sagst, was ich mir von meiner klugen Effi kaum denken kann, so stehst du mit zwanzig Jahren da, wo andere mit vierzig stehen. Du wirst deine Mama weit überholen. (Aus Theodor Fontane: Effi Briest. Reclam Verlag, Stuttgart, 1999, S. 15.)

Diese Tradition ist früher in westlichen Ländern so gewesen und wird heute in vielen Regionen der Welt in dieser Form fortgeführt. In welcher Intensität die Familien Einfluss auf die Partnerwahl der Frau ausüben, ist kulturell unterschiedlich. Bei Zwangsverheiratungen, wie sie heute in Deutschland vollzogen werden, kann von einem großen Einfluss der Eltern ausgegangen werden.

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